Ein schicksalhaftes Ereignis

Dr. Charles Konia

(aus dem Journal des Orgonomy,
Vol. 29/2, Fall/Winter 1995)

Ein schicksalhaftes Ereignis trug sich 1934 in Luzern zu, das in seiner Tragweite von fast niemand erfaßt wurde. Wilhelm Reichs Mitgliedschaft in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) wurde beendet. Diese Entscheidung hatte, und hat noch immer, tiefgreifende und dauerhafte Auswirkungen auf die Richtung, die Psychiatrie und Medizin einschlugen, und auf deren Praxis.

Freud und seine Nachfolger konnten die Wahrheit von Reichs energetischen, biologischen Theorien nicht begreifen. Sie blieben im Bereich der Psychologie stecken, denn sie waren biophysisch nicht in der Lage, die Bedeutung dieser revolutionären Entdeckungen zu erfassen. Sie konnte diese neuen funktionellen, energetischen Prinzipien nicht verstehen und daher die charakteranalytische Technik nicht effektiv anwenden. Einfach ausgedrückt, waren sie nicht in der Lage zu begreifen, daß der gestörte Charakter und das Fundament für seine Behandlung eine Funktion der zugrundeliegenden energetischen Prinzipien ist. Auch konnten Psychoanalytiker aufgrund ihrer Einschränkungen nicht der konsequenten Weiterentwicklung von Reichs Arbeit vom eher oberflächlichen psychologischen Bereich zu den tieferen, umfassenderen soziologischen und biologischen Bereichen folgen.

Reich zufolge hatte sein Ausschluß aus der IPV eine positive und befreiende Wirkung. Sein Denken und seine Forschung wurden nicht mehr durch psychoanalytische Formulierungen und Vorstellungen behindert, die per Definition auf den psychologischen Bereich beschränkt waren. Für die Psychoanalyse jedoch, und alles, was sich aus ihr in Richtung auf die heutige Psychiatrie entwickelt hat, hatte Reichs Ausschluß eine schädigende Wirkung, die bis heute anhält. Es bestand keine Möglichkeit, seinen Beitrag, die Charakteranalyse, in den sich entwickelnden psychoanalytischen Wissensschatz vollständig zu integrieren. Anstatt über eine effektive und praktische Technik zu verfügen, die Zugriff auf die zugrundeliegende bioenergetische Störung des neurotischen Charakters und die Wiederherstellung des natürlichen Funktionierens erlaubt, sind die Psychoanalyse und alle nachfolgenden nicht-pharmakologischen Therapien heute weitgehend psychologisch und abgeschnitten vom physikalischen, biologischen Körper.

Die Folgen für die Psychiatrie waren verheerend. Macht und Einfluß der Profession hat sich zu jenen hin verlagert, die an die „biologische“ Verursachung von psychischen Krankheiten glauben und denjenigen, die glauben, daß diese Erkrankungen primär das Ergebnis von („psychologisch-soziologischen“) Umweltfaktoren sind. Ohne das von Reich stammende Wissen über die bioenergetische Pulsation und die Ätiologie der biopathischen Erkrankungen, die infolge chronischer Panzerung zustande gekommen sind, gibt es keine funktionelle Brücke, um diese beiden unterschiedlichen Ansichten zu verbinden.

Anfang der 1950er Jahre, nach der endgültigen Desillusionierung mit dem biologischen Ansatz Kraepelins, wandte sich die Psychiatrie der Psychoanalyse zu. Deren Vorherrschaft dauerte nur eine relativ kurze Zeit an. Es wurde deutlich, daß es praktische und klinische Beschränkungen in Bezug auf die psychoanalytische Behandlung von Neurosen im Allgemeinen und den Psychosen im Besonderen gab. Depressive und Angst-Störungen mit ausgemachten somatischen Symptomen erwiesen sich für die psychoanalytische Behandlung als schwierig. Die Entdeckung der neuroleptischen Medikamente in den späten 1950er Jahren hat die gegenwärtige Ära von Psychopharmakologie, Molekularbiologie und der „Medikalisierung“ der Psychiatrie eingeleitet. Das „chemische Ungleichgewicht“ wurde vorgebracht, um psychiatrische Erkrankungen und emotionale Symptome zu erklären. Die psychoanalytische Technik hatte den praktischen therapeutischen Versprechungen der medikamentösen Therapie nichts entgegenzusetzen. Diese Versprechungen wurden jedoch nicht eingehalten. Trotz Linderung beunruhigender Symptome bleiben die Probleme des Betreffenden bestehen und das jeweils aktuelle „Wundermittel“ hat nie gehalten was es versprach und erwies sich als mit erheblichen Nebenwirkungen behaftet, fast immer einschließlich Störungen der sexuellen Funktion.

Die unterschiedlichen Perspektiven der beiden therapeutischen Ansätze werden für die absehbare Zukunft fortwirken. Sie wurden Struktur in der gegenwärtigen Spaltung der Patientenversorgung. Der ärztliche Psychiater verabreicht psychotrope Medikamente, während der nichtärztliche Psychologe oder Sozialarbeiter den Patienten berät und sich mit den emotional-psychologischen Aspekten der Erkrankung befaßt. Keiner dieser Ansätze kann die bio-emotionalen Faktoren beeinflussen, die den Problemen der gepanzerten Menschheit zugrundeliegen. Beide Umgehen das Wesentliche, die zugrundeliegende bioenergetische Grundlage sowohl psychischer als auch somatischer Vorgänge.

Somit können die Probleme und Grenzen der modernen Psychiatrie direkt auf die Folgen der Ablehnung von Reich und seiner zentralen Konzepte, die Funktion des Charakters und die Orgasmus-Theorie, durch die IPV zurückgeführt werden. Diese Ideen wurden nicht auf einer rationalen Grundlage zurückgewiesen, sondern weil der Psychoanalytiker und der Psychiater strukturell nicht in der Lage waren, sie zu erfassen und auf praktische Weise zu nutzen.

Heute wenden sich Millionen von Menschen von der Schulmedizin ab und suchen alternative Behandlungen für ihre Leiden. Die medizinische Orgonomie bietet nicht nur die Lösung für das Verständnis und die Behandlung von Neurosen und Psychosen, sondern auch das tiefere Verständnis von Krankheit und Gesundheit des Menschen, das von so vielen gesucht wird.

In der Zwischenzeit geht der Mißbrauch von Reichs Entdeckungen ohne Angabe der Quelle ungebrochen weiter. Die Vielzahl von Körpertherapien, der Mißbrauch der charakteranalytischen Technik, die „neue“ Augen-Bewegungstherapie, die diversen Ratgeber, einschließlich des jüngsten „Feel the Fear and Do It Anyway“ (Spür die Angst – und tu’s trotzdem), erinnern uns durchweg an Reichs Vorhersage, daß die Wahrheit der Orgonomie stückweise anerkannt werden wird, ohne jedes Verständnis der zugrundeliegenden energetischen Prinzipien, auf denen sie gegründet ist. Ohne dieses Verständnis kann die fragmentierte Nutzung von Reichs Entdeckungen keine dauerhafte Verbesserungen hervorbringen und das Funktionsniveau des Betreffenden bleibt wie bisher.

Etwa vierzig Jahre nach Reichs Tod sind fast alle in der wissenschaftlichen Gemeinschaft, genau wie ihre Vorgänger, nicht in der Lage, die volle Bedeutung von Reichs bioenergetischen Entdeckungen biophysisch zu verstehen bzw. zu tolerieren. Wäre die Bedeutung von Reichs Beiträgen von den Psychoanalytikern 1934 begriffen worden, hätte die Psychoanalyse die Psychiatrie und Medizin in den Bereich wahrhafter Naturwissenschaft geführt, wohin beide gehören.

Das American College of Orgonomy ist heute die einzige wissenschaftliche Organisation, die Reichs Entdeckungen in unverfälschter Form gegenwärtigen und zukünftigen Generationen übermittelt.

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